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Reutlinger Generalanzeiger:
Pfullingen/Eningen/Lichtenstein / 03.11.2007

Reutlinger Generalanzeiger

Museumsstück - Geschichts- und Heimatverein Lichtenstein möbelt über hundert Jahre alten Handwebstuhl auf


Wurmlöcher belegen das Alter


VON DIETER REISNER


LICHTENSTEIN-HOLZELFINGEN. Für ein paar Stunden Wärme hätte das massive Holz des alten Webstuhls schon gereicht. Der Lichtensteiner Geschichts- und Heimatverein (GHV) rettete aber diesen Zeugen der Vergangenheit vor dem Ofen und restaurierte das 1,5 mal 1,5 Meter große Eichenholzgestell. »Schließlich war das Echaztal mal ein Zentrum der Textilindustrie. Damit erinnern wir ein Stück weit daran«, sagt Günther Frick.

Vor vier Jahren entdeckte ein Mitglied des GHV, dessen stellvertretender Vorsitzender Frick ist, das kostbare Stück bei einer Haushaltsauflösung in der Unterhausener Moltkestraße. »Man konnte erahnen, was es war«, so der ehemalige Textilfachmann. Im Vereinshaus lagerten die Hobbyhistoriker die Einzelteile und vergaßen sie zeitweise.

Beim Aufräumen der unteren Räume entdeckten sie dann das Kleinod wieder und verfrachteten es vor einem Vierteljahr nach Holzelfingen zu Richard Tröster zur Restauration. Dieser ist nachgewiesenermaßen kein Textilfachmann, aber ein umso geschickterer Handwerker und besitzt eine große Kfz-Werkstatt. In den vergangenen Wochen bauten also Frick und vor allem Tröster das Gestell zusammen und ersetzten Holznägel, Keile oder Griffe.

»Schließlich war das Echaztal mal ein Zentrum der Textilindustrie«

Das Webeblatt hängt wieder an seinem angestammten Platz und pendelt zwischen dem Fadensystem, der sogenannten Kette. Der Holzsitz des Webers ist glattgesessen, Holzwurmlöcher belegen das Alter. Jörg Spieß schätzt, dass der Webstuhl um 1870/80 im Einsatz war, und zwar im Keller. »Das Garn musste feucht gehalten werden. Außerdem dehnt sich das Holz dabei aus und das Gestell hält besser.«

Der ehemalige Textilingenieur und Lehrer des Reutlinger Otto-Johannsen-Technikums kommt beim Anblick des Prachtexemplar richtig ins Schwärmen. »Das muss schon ein besonderes Stück gewesen sein«, urteilt der Fachmann, wegen der besonderen Verzierungen. Der 70-Jährige begutachtete den Webstuhl und sorgte für einen »Schützen«. So nannten die Weber den Holzstab, mit dem sie den Faden durch die Kette schoben.

Spieß demonstriert die Tätigkeit, die eintönig und schweißtreibend war. Mit der linken Hand bewegt er das Webblatt, mit den Beinen tritt er die Pedale. Die rechte Hand führt den Faden. Treten, anschlagen, durchschießen, so ging es am Tag zwölf Stunden lang. »Der Weber musste ein gutes Rhythmusgefühl haben, um die verschiedenen Arbeitsprozesse zu koordinieren und effektiv zu schaffen.«

Der gebürtige Stuttgarter kann allerdings auch nicht genau sagen, welcher Art Stoff auf dem Unterhausener Webstuhl entstanden ist. »Vermutlich Leingewebe und Geschirrtücher. Wenn keine Reste da sind, kann man nur Vermutungen anstellen.« Aber wegen der groben Fäden der Kette spricht vieles für die Einschätzung des Ingenieurs.

»Der Weber musste ein gutes Rhythmusgefühl haben«

Das Prachtstück kommt jetzt erst mal wieder in die Vereinsräume. Dann entscheiden die Verantwortlichen, wo sie den Webstuhl hinstellen. In keinem Fall aber wieder in einen feuchten Keller.

Denn die Weber hatten einst wegen ihres unangenehmen Arbeitsplatzes keine hohe Lebenserwartung. »Sie starben oft an Lungenentzündung«, berichtet Spieß. (GEA)

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Bericht im Original    

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